Magazin > Nr. 8 / März 2001

home
magazin
info
intern


Mitgemacht, weitergemacht, zugemacht
Zum NS-Erbe der Kommunikationswissenschaft in Deutschland

Zur Vergangenheit der deutschen Kommunikationswissenschaft im "Dritten Reich" besteht erheblicher Klärungsbedarf. Der Journalistik-Professor Horst Pöttker ist einer der wenigen, die sich der heiklen Thematik angenommen haben.

von Horst Pöttker, Dortmund

Interaktiv
Download/Druck (PDF)
Mail an den Autor

Mehr Infos
Dovifats Zeitungslehre
Noelle: Jüdische Medien
Noelle: Walter Lippmann
Noelle im ZDF-Interview
Weimann über Noelle
Sekundärliteratur

Links
"Nazi oder Karrierist?"
IfD Allensbach
DGPuK
Uni Dortmund Journalistik

Der Autor
Horst Pöttker, Jahrgang 1944, ist Professor für Journalistik an der Universität Dortmund. Seine Spezialgebiete sind unter anderem die Geschichte des Journalismus und des Fachs Kommunika- tionswissenschaft sowie die journalistische Berufsethik.

Suchen

Ganze Website
Nur Magazin

Newsletter
Du willst über wichtige Updates von Melting Pot informiert werden? Abonnier unseren Newsletter:

 

Mediziner, Juristen, ja sogar Historiker und Journalisten bemühen sich mittlerweile, ihrer NS-Vergangenheit offen ins Auge zu blicken. Ausgerechnet in der deutschen Kommunikations- wissenschaft, dem Prinzip Öffentlichkeit besonders verpflichtet, ist davon bisher wenig zu spüren. Überdunkle Flecken redet man hier immer noch am liebsten hinter vorgehaltener Hand - das allerdings ausgiebig. Der folgende Beitrag konzentriert sich auf wenige Weder irrelevante noch untypische Beispiele.

Vor 1933 begrenzte Vielfalt

Horst Pöttker
Horst Pöttker (© uni-dortmund.de)

In ihrer Gründungsphase hatten in er deutschen Zeitungswissenschaft sowohl konservative wie liberale und sogar linke Positionen Platz. Mit der Berufung Emil Dovifats auf die neue Professur für Zeitungswissenschaft und gleichzeitig zum Direktor des von den Verlagen getragenen Deutschen Instituts für Zeitungskunde setzte sich eine katholisch-konservative Tendenz durch.

Wer als Zeitungswissenschaftler jüdischer Herkunft war, hatte freilich, wie auch in anderen Fächern, schon in den 20er Jahren wenig Chancen. Otto Groth, immerhin vor Dovifat auf der Berliner Berufungsliste platziert, hat auch schon vor 1933 letztlich keinen Lehrstuhl bekommen, obwohl seine vierbändige Monographie "Die Zeitung" die herausragende fachliche Leistung jener Epoche war.

Im NS-Regime mitgemacht

Mit der Machtübergabe an Hitler war es mit der Vielfalt vorbei. Der Nicht-Arier Groth bekam als Redakteur Berufs- und als Wissenschaftler Publikationsverbot, konnte aber bis 1945 in Deutschland überwintern. Die national-konservative Tendenz setzte sich nun auf ganzer Linie durch und nahm rasch eine völkische Färbung an. Dovifat selbst schrieb seine zuerst 1930 erschienene "Zeitungslehre" flugs so um, dass sie perfekt in das NS-Konzept von der Zeitung als Propaganda- und Führungsmittel passte.

Zu den Erfolgen, die anpassungswillige Zeitungswissenschaftler feierten, gehörte, dass ihre Absolvent(inn)en in administrative oder publizistische Positionen des NS-Regimes gelangen konnten. Dovifats Doktorandin Elisabeth Noelle erhielt eines der wenigen DAAD-Auslandsstipendien für einen Forschungsaufenthalt in den USA und durfte nach dem Examen als Redakteurin für Goebbels' Wochenzeitung "Das Reich" arbeiten.

Goebbels spricht zum Volk
Propagandaminister Goebbels spricht zum Volk
(© mission.bc.ca)

Professoren wie Student(inn)en des Fachs haben sich nicht nur mit dem NS-Regime arrangiert, sie haben ihm, aus welchen Motiven auch immer, gedient. Zeitungswissenschaftler wie Dovifat und Noelle haben der Schreckensherrschaft Legitimität verschafft, indem sie markante Teile der NS-Ideologie an Studierende und Zeitungsleser vermittelten. In diesem Sinne waren sie Schreibtischtäter.

Aus dem Fach kamen aber auch Schreibtischtäter in einem direkteren Sinn. Nicht wenige seiner Absolventen setzten nämlich ihre Karrieren in den Kommandozentralen des Vernichtungsapparats fort. Die Tradition der deutschen Kommunikationswissenschaft ist durch zahlreiche Namen und in verschiedenen Varianten mit dem Nationalsozialismus verknüpft.

In der Bundesrepublik Deutschland weitergemacht

In Westdeutschland hat es nach 1943 keinen konsequenten Elitenwechsel gegeben. An den grossen Instituten in Berlin und München blieben mit Emil Dovifat und Karl d'Ester jene Direktoren im Amt, die das Fach dort auch zwischen 1933 und 1945 vertreten hatten. Und am Institut für Publizistik in Münster wurde mit Walter Hagemann ebenfalls kein zurückgekehrter Emigrant oder Oppositioneller berufen, sondern wiederum ein katholisch-nationaler Konservativer, der sich mit dem NS-Regime arrangiert hatte.

Anders als Dovifat, der sich damit begnügte, die Nachkriegs-Ausgaben seiner "Zeitungslehre" von verräterischen Passagen zu säubern, hat Hagemann allerdings schon 1948 mit seiner "Publizistik im Dritten Reich" eine öffentliche fachliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begonnen.

Noch wichtiger ist die personelle Kontinuität in der jüngeren Kohorte von Kommunikationswissenschaftlern, die im NS-Regime den Grundstein für ihre bundesdeutschen Karrieren legten. Zu ihnen gehört neben Wilmont Haacke und Franz Ronneberger vor allem Elisabeth Noelle-Neumann.

IfD Allensbach
Noelle-Neumanns Institut für Demoskopie (IfD) in Allensbach am Bodensee (Bilder: cdu-allensbach.de; Montage: Melting Pot)

Nachdem sie das Allensbacher Institut für Demoskopie aufgebaut hatte, schlug sie eine akademische Laufbahn ein, wobei sie eine konsequente Personalpolitik im Sinne ihrer Positionen betrieb.

Für den 1875 geborenen Otto Groth war es 1945 zu spät für eine Berufung. Wer funktionslos überwinterte, zur NS-Herrschaft in offene Opposition ging oder vor ihr emigrierte, und dazu gehörten auch bedeutende Gelehrte wie Theodor W. Adorno, Theodor Geiger oder Alphons Silbermann, ist in der deutschen Kommunikationswissenschaft nach wie vor ein Aussenseiter.

In puncto NS-Vergangenheit zugemacht

So problematisch die personelle Kontinuität mit dem Nationalsozialismus gewesen ist, so wenig war sie wohl zu vermeiden. Die DDR, die den Elitenwechsel erzwungen hat, ist auch an der Unerfahrenheit und daraus resultierenden Unfähigkeit ihrer 1945 aus KZ oder Moskauer Exil zurückgekehrten Führung gescheitert.

Dass NS-Personal im Amt blieb, bot aber auch eine Verarbeitungschance. Umdenken setzt das Eingeständnis voraus, mitgemacht zu haben, um reflektieren zu können, warum das geschehen ist.

Den Bewusstseinswandel ehemaliger Nazis, die zu ihrer Vergangenheit, aber auch zum selbstkritischen Lernen daraus stehen, hat es vereinzelt gegeben. In der Kommunikationswissenschaft im engeren Sinne hat jedoch kaum jemand diesen Mut aufgebracht. Im Fach dominiert nach wie vor die Tendenz, Zeugnisse des eigenen Mitmachens als Zugeständnisse zu deuten, hinter denen sich Distanz, ja Widerstand verborgen habe.

Elisabeth Noelle-Neumann
Elisabeth Noelle-Neumann an einer Tagung (© hnf.de)

Was mag die Berliner Kollegen in den 80er Jahren zu dem Bemühen bewogen haben, ausgerechnet Emil Dovifat zur Symbolfigur zwecks Traditionsbildung ihres Instituts aufzubauen? Was mag die DGPuK bewogen haben, nach Otto Groth (1963) ausgerechnet auch noch Franz Ronneberger (1988) und Elisabeth Noelle-Neumann (1993) die Ehrenmitgliedschaft anzutragen?

Und was mag das Fachorgan "Publizistik", in dem sonst nur deutsche Texte erscheinen, bewogen haben, ausgerechnet jenen Artikel zum 80. Geburtstag Noelle-Neumanns, in dem ihr israelischer Freund Gabriel Weimann ihr Schutzbehauptungen hinsichtlich ihres Verhaltens in der NS-Zeit unterstellt, in englischer Sprache zu veröffentlichen?

Noch einmal: Das Fach blickt seiner Vergangenheit nicht offen ins Auge; nach wie vor gibt es eine Tendenz zum Schweigen und Schönen.

An die eigene Nase gefasst

Wer dem Prinzip Öffentlichkeit verpflichtet ist, sollte die eigene Vergangenheit nicht vergessen. Hat sich die 68er-Kohorte, der der Bruch der soziokulturellen Kontinuität mit dem Nationalsozialismus zu verdanken ist, ebenfalls etwas vorzuwerfen?

Ich meine: ja. Allgemein bleibt einem linken Antisemitismus ins Auge zu schauen, der sich etwa durch die Ungleichbehandlung der antikolonialen Befreiungsbewegungen und des Staates Israel in der Frage der Legitimität des bewaffneten Kampfes geäussert hat.

Was die Kommunikationswissenschaft betrifft, haben wir 68er das Entlarven der Noelle-Neumanns lange von einer hohen moralischen Warte aus betrieben, als waren wir uns eines einwandfreien eigenen Handelns in ähnlicher Situation gewiss. Kein Nachgeborener kann freilich mit Sicherheit sagen, wie er sich denn verhalten hätte.

Nazi-Jägerei jedenfalls macht den offenen Umgang mit der NS-Vergangenheit noch schwerer, weil sie die moralische Latte noch höher legt, über die jemand springen müsste, um zur eigenen Vergangenheit zu stehen.

Goebbels
Nachgeborene brauchen Antworten: Wie konnte man für Goebbels arbeiten? (© thinkquest.org)

Abgesehen von Straftaten, die nach Recht und Gesetz zu verfolgen sind, ist die Frage, was eine(r) in einem Unrechtsstaat getan und gelassen hat, von begrenztem Interesse. Wichtiger für das berufliche Weitermachen erscheint, was sie oder er heute darüber denkt. Koleg(inn)en, die (bisher) nicht mit solchen Verhältnissen zurecht kommen müssen, brauchen wahrhaftige und genaue Antworten auf die Frage, was eine(n) Wissenschaftler(in) dazu gebracht haben mag, ihr oder sein Können in den Dienst eines verbrecherischen Regimes zu stellen - um ähnliche Handlungsweisen bei sich selbst erkennen und so vermeiden zu können.

Die deutsche Kommunikationswissenschaft sollte sich endlich gegenüber den Opfern der NS-Herrschaft und ihren Nachkommen bekennen: dazu, dass etliche Vertreter des Fachs ihr Können in den Dienst jenes Regimes gestellt haben, das die europäischen Juden systematisch vernichtet und den Zweiten Weltkrieg begonnen hat. Und dazu, dass diese Last im Fach seit fünf Jahrzehnten auf mancherlei Weise geleugnet wird.

DGPuK

Dieser Artikel erschien zuerst ungekürzt in Aviso Nr. 28/Januar 2001, der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK).



Home | Magazin | Info | Intern