Magazin > Nr. 8 / März 2001

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"Rechtsextremismus war Sommerlochthema"
Interview mit dem Publizistik- und Soziologieprofessor Kurt Imhof

Im Sommer 2000 war sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz Rechtsextremismus das dominierende Thema in den Medien. Der Soziologie- und Publizistikprofessor Kurt Imhof gibt im Melting Pot - Interview Auskunft über den Umgang der Medien mit Rechtsextremismus und Rechtsaussenpolitik.

von Regula Stocker

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Die Autorin
Regula Stocker studiert Politik- und Publizistik- wissenschaft, sowie Völkerrecht an der Uni Zürich im achten Semester. Sie ist Gründungsmitglied von Melting Pot.

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Herr Imhof, hat sich die mediale Berichterstattung über Rechtsextremismus durch die Ereignisse im Sommer 2000 verändert?

Ohne Zweifel. Vor dem Sommer 2000 war die Berichterstattung sehr schmal. Obwohl der rechtsextremistische Gruppierungen und Aktionen quantitativ seit 1996 / 97 stark zugenommen haben, fand dieses Thema in den Medien kaum Resonanz. Im Sommer 2000 wurde Rechtsextremismus zum "Sommerlochthema" in der gesamten Medienarena. Der Blick nahm das Thema auf und die anderen - auch so genannte Qualitätszeitungen und die Tagesschau - sprangen auf den Zug auf.

Kurt Imhof

In der Zeit vom 1. August bis Ende Oktober 2000 wurde ungefähr gleich viel über Rechtsextremismus berichtet wie von 1997 bis zum 1. August 2000. Es kann hier also von einer eigentlichen Kommunikationsexplosion gesprochen werden. Jetzt hat die Resonanz wieder stark abgenommen, die Sensibilität ist aber nach wie vor hoch.

Warum denn diese Kommunikationsexplosion? War nur das Sommerloch ausschlaggebend?

Es lässt sich eine Fülle von Vorfällen aufzählen, die schon vor dem letzten Sommer Anlass zu einer ausführlichen Medienberichterstattung hätten geben können. Aber der Blick mit Blick auf "Rütli 2000" war derjenige, der das Thema auf einer moralischen Ebene lancierten und eine Lawine auslösten. Solche lawinenförmigen Kommunikationsphänomene sind insbesondere im Sommerloch häufig.

Gab es dadurch eine Rückwirkung? Hat sich die ausführliche Berichterstattung auf die Szene ausgewirkt?

Es wurde deutlich, dass die rechtsextremistischen Gruppierungen über ein gewisses logistisches Potential verfügen und im Grundsatz ganz bewusst auf Medienresonanz setzen. Die so erreichte Publizität sorgte natürlich für Nachahmungen: Aufmärsche kleinster Gruppen in Provinzstädten erreichten dank des moralisch aufgeladenen Medienklimas eine intensive Resonanz. Die Berichterstattung führte aber innerhalb der Szene auch zu Rivalitäten.

Ist diese durch die Berichterstattung geschaffene Rivalität auch positiv? Wird die Szene dadurch lahm gelegt?

Das muss nicht zwingend sein. Klar ist schon lange, dass die Szene an ihrer Heterogenität leidet und Medienresonanz für einzelne Protagonisten die Rivalität unter denjenigen fördert, die einen Führungsanspruch erheben. Die Gruppierungen sind zersplittert und es gibt nur ein ganz schmales intellektuelles Potential. Viele Mitglieder orientieren sich nur an den beiden Zentraltabus: Physische Gewalt und rassenbiologische Differenzsemantiken.

Weil es darüber hinaus nicht gelingt, die eher gewalttätigen Gruppen mit den eher intellektuelleren, ideologieproduzierenden rechtsradikalen Gruppen zu verbinden (z.B. Avalon in Bern) und weil es keine eindeutige Führungsstruktur gibt, kann der Rechtsextremismus - im Moment - nicht zu einer politischen Bewegung werden.

"Verbrecherkartei" kontraproduktiv

Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern hat dieses Thema das Sommerloch gestopft. Haben sie Unterschiede festgestellt, wie die Medien in den verschiedenen Ländern mit dem Thema umgegangen sind?

Bei den deutschen Medien ist das Ganze in eine Erinnerungs- und Schuldkultur eingetaucht, wobei die Berichterstattung über Rechtsextremismus immer äusserst stark historisch aufgeladen wird. Seit der Holocaust-Debatte können gewisse Ähnlichkeiten allerdings ansatzweise auch in der Schweiz beobachtet werden. Dass eine Kommunikationsexplosion von einem Medium ausgelöst wurde, war aber in beiden Ländern der Fall.

In Schweden führten einige grosse Zeitungen eine konzertierte Aktion durch und veröffentlichten Bilder von Neo-Nazis auf der Frontseite. Halten Sie dies für eine gute Möglichkeit, mit dem Thema umzugehen?

Diese Frage beantworte ich als Staatsbürger und nicht unbedingt als Experte. Es widerspricht eigentlich der rechtstaatlichen und demokratischen Kultur, dass Leute mit abweichenden politischen Meinungen in einer Art "Verbrecherkartei" veröffentlicht werden. Das ist McCartysmus von links.

Deshalb halte ich dies eher für kontraproduktiv. Denn dadurch wird der interne Führungskampf der rechtsextremen Gruppierungen unterstützt. Für die einzelnen Führerpersönlichkeiten wird es wichtig, in diesen Verbrecherkarteien weit oben zu erscheinen.

Logo des foeg
Kurt Imhof ist Leiter des foeg

Wie beurteilen Sie als Wissenschaftler den Einfluss der Medien auf die öffentliche Meinung durch ihre Berichterstattung über Rechtsextremismus?

Wenn Sie den Begriff der öffentlichen Meinung im Sinne der Aufklärung verstehen, d.h. als konvergente moralische Überzeugung in der politischen Kommunikation, dann ist diese Wirkung stark, wie das Beispiel vom letzten Sommer zeigt. Die Medien haben es geschafft, das Thema auch auf die Agenda des politischen Systems zu setzen. Das politische System unternahm dann viele symbolische Handlungen, um das Ergreifen von Massnahmen zu demonstrieren. Über diese Quotes politischer Eliten entstand ein sich selbst verstärkender hochmoralischer Diskurs in der öffentlichen politischen Kommunikation.

Allerdings hatte dieser in der Form, in welcher er stattfand eher eine verharmlosende Wirkung. Dank ihrem hohen Nachrichtenwert wurden in erster Linie die radikalen Gruppierungen thematisiert, die Opfer wurden nicht genannt. Anhand einer stärkeren Fokussierung auf die Opfer würde eine Sensibilisierung stattfinden, die problemadäquater wäre. Dort müssten die Medien ansetzen.

Kann dies also als Handlungsanweisung ihrerseits an die Redaktionen verstanden werden, sie sollten sich eher den Opfern zuwenden anstatt den Glatzköpfen?

Ja. Man kreiert Prominenz auf der Seite rechtsextremer Gruppierungen und spricht überhaupt nicht von den Opfern. So ist es zwar möglich, sich herrlich moralisch über den Tabubruch zu entsetzen, gleichzeitig wird aber Prominenz geschaffen. Die Alltagsgewalt dieser Gruppierungen gegenüber ihren Opfern wird dagegen kaum thematisiert.

Kann das Publikum durch diese Prominenz-schaffende Berichterstattung nicht sensibilisiert werden und diese Tendenzen und Gruppierungen verurteilen?

Protagonisten rechtsextremistischer oder rechtsradikaler Gruppen nutzen Interviews selbstverständlich auch strategisch. In solchen Situationen kommt es zu Statements, die wir auch von Bundesratsparteien kennen - in bezug auf die "Überfremdung der Schweiz" beispielsweise. Dies bedeutet dann immer auch eine Verharmlosung des rechtsextremistischen Gewaltpotentials der Basis.

Ausfransung am rechten Rand der SVP

Uns interessiert nicht nur der Umgang der Medien mit dem Rechtsextremismus, sondern auch der Umgang der Medien mit der Rechtsaussenpolitik. Auch dieser ist für die Redaktionen oft heikel.

Bereits im Laufe der Wahlen 1999 und jetzt besonders im Verlaufe der Rechtsextremismusdebatte im letzten Sommer wurde von Seite der Medien versucht, dieses Gedankengut mit den ideologischen Grundpositionen der SVP zu vergleichen. Es wurde zum Beispiel gezeigt, dass die SVP-nahe AUNS sehr anziehend wirkt; weniger auf rechtextremistische aber auf rechtsradikale Figuren (Der Unterschied zwischen R.-Extremismus und R.- Radikalismus liegt in der Gewaltbereitschaft und der Ideologieproduktion - Anm. der Red).

Kurt Imhof

Wie sollen Journalisten mit Rechtsaussen-Parteien umgehen?

Die Medien versuchen, die SVP mit dem Thema Rechtsextremismus in die Defensive zu drängen. Eine wichtige Motivation zur Behandlung des Themas ist, zu zeigen, dass es am rechten Rand der SVP eine Form der Ausfransung in Richtung Rechtsradikalismus oder sogar Rechtsextremismus gibt.

In bezug auf die Medienarbeit der Parteien ist die SVP eindeutig die avantgardistische, modernste Partei. Sie investiert viel in die Medienarbeit, beschäftigt professionelle Leute und ist deshalb in der Lage, das Agenda-Setting optimaler als alle anderen Parteien zu beeinflussen.

Ausserdem liefert die SVP zuhauf pfannenfertige Storys, die unter dem Zeit- und Effizienzdruck im Journalismus sehr oft Resonanz finden. Für die Redaktionen bedeutet es, dass sie an sich gezwungen sind bei den anderen Parteien einen grösseren Aufwand zu betreiben. Es erstaunt aber, in welchem Masse die Redaktionen die Recherche bei den anderen Parteien vernachlässigen.

Wie wirkt sich nun dieses gelungene Agenda-Setting der SVP auf die öffentliche Meinung aus?

Wenn Sie jetzt unter öffentlicher Meinung die Fähigkeit eines Akteurs sehen, seine Agenda gesellschaftlicher Probleme in der öffentlichen politischen Kommunikation durchzusetzen, dann hat das natürlich Auswirkungen. Dies wird im Zusammenhang mit Wahlen oder Abstimmungen ja immer wieder deutlich. Bei den Nationalratswahlen 1999 hatten die SVP und deren Repräsentanten mit Abstand am meisten Medienresonanz bekommen und die SVP konnte die Wahlkampfthemen im redaktionellen Teil der Medien - gefolgt von der FDP - im wesentlichen bestimmen.

Gleichzeitig investierte sie enorm in Inserate. Interessant ist, dass in denjenigen Medien, die sich ausgesprochen kritisch mit der SVP auseinandersetzten und ihr dadurch Resonanz verschafften, am meisten Inserate geschaltet wurden. Dies zeigt die Professionalität der Kampagnenplanung auf Seiten der SVP. Sie versuchte so, ein Korrektiv zum redaktionellen Teil zu schaffen.

Müsste da die Handlungsanweisung an die Journalisten nun lauten, in der Berichterstattung über die SVP eher zurückhaltend zu sein?

Aus einer normativen Perspektive kann von den Medien erwartet werden, dass sie die Parteien unabhängig von der Perfektion ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu Wort kommen lassen. Die unterschiedliche Professionalität der Selbstdarstellung sollte also zumindest teilweise durch Recherchen ausgeglichen werden.

Ausserdem kann auch eine grundsätzlich kritische redaktionelle Linie kann eine Partei zum Popanz machen. Der Tagesanzeiger und die Sonntagszeitung führten - etwa bei den NR-Wahlen 99 - mit einigem Abstand die SVP-Berichterstattung an, waren also diejenigen Printmedien, die dieser Partei die grösste Resonanz verschafften. Unter den Wochzeitungen lag hierbei die WOZ am Schluss.



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